Wahrnehmungsstoerung

Wenn neuronale Reize aus den Sinnesorganen im ZNS nicht richtig verarbeitet werden können spricht man von einer Wahrnehmungsstörung.

Hierbei unterscheidet man zwischen den afferenten Bahnen über die Reize aus der Außenwelt zum Gehirn geleitet werden und den efferenten Bahnen, die vom Gehirn ausgehend eine Reaktion bewirken.

Wir benötigen sinnliche Wahrnehmungen um uns in der Welt zurechtzufinden. Mit anderen Worten bedeutet das, dass wir unseren Körper wahrnehmen und wissen wo im Raum wir uns befinden. Ebenso benötigen wir unsere sinnlichen Wahrnehmungen für die soziale Interaktion. 

Die schweizer Psychologin und Psychotherapeutin Félicie Affolter (1975) unterscheidet zwischen modalitätsspezifischer, intermodaler und serialer Wahrnehmungsstörung.

  • Man spricht von einer  Modalitätsspezifischen Wahrnehmungsstörung, wenn einzelne Sinne, also die taktilekinästhetischevisuelleauditive oder vestibuläre Wahrnehmung betroffen sind.
  • Bei einer intermodalen Wahrnehmungsstörung können mehrere Sinne nicht miteinander verknüpft werden.
  • Eine Seriale Wahrnehmungsstörung liegt dann vor, wenn ein räumliches, oder zeitliches Nacheinander nicht eingehalten werden kann.

Kinder deren frühkindliche Reflexe nicht zum richtigen Zeitpunkt gehemmt wurden leiden häufig unter Wahrnehmungsstörungen.

Frühkindliche Reflexe sind unbewusste, immer gleiche Reaktionen des Organismus auf Reize (Körper- oder Umweltreize), die der Entwicklung, dem Schutz und der Vorbereitung auf weitere Entwicklungsschritte dienen.

Der Schwangerschafts- und der frühkindliche Verlauf sind durch eine ganz bestimmte Abfolge von auftretenden frühkindlichen Reflexen gekennzeichnet, die den Tonus aufbauen, den Geburtsverlauf regeln und das Überleben des Kindes sichern (z.B. verhindert, dass sich die Nabelschnur sich um den Hals des Kindes legt). 

Frühkindliche Reflexe werden im Stammhirn verarbeitet. Unser Gehirn besteht, vereinfacht ausgedrückt, aus drei Regionen: dem Stammhirn, dem Kleinhirn und dem Großhirn. 

In den ersten zwei Lebensjahren sind diese 3 Gehirnregionen noch nicht richtig miteinander verbunden, obwohl ein Baby bereits bei der Geburt eine vollständige Ausstattung an Nervenzellen besitzt. Es bedarf wiederkehrender Reize und vor allem wiederholender Bewegungen, um die Hirnareale miteinander zu vernetzen. Mit zunehmendem Alter übernehmen höhere Hirnzentren mehr und mehr die Kontrolle und hemmen die frühkindlichen Reflexe.  Geschieht diese Hemmung nicht oder nur teilweise, so ist dies ein Hinweis auf eine Unreife innerhalb des Zentralnervensystems, die u.a. eine Auswirkung auf die Sinne hat.

Als Beispiel seien hier der Mororeflex , der Asymmetrischetonische Nackenreflex (ATNR) und der Tonische Labyrinth Reflex (TLR) erwähnt.

Der Mororeflex, der auch als Schreckreflex bezeichnet wird, versetzt den Körper in eine Alarmbereitschaft und steigert alle unsere Sinne. In diesem Zustand ist eine adäquate Reaktion, Wahrnehmung und Reizverarbeitung nicht möglich.

Der ATNR, der durch eine Drehung des Kopfes über die Mittellinie ausgelöst wird, beeinträchtigt u.a. die auditive und visuelle Wahrnehmung. Das liegt vor allem daran, dass Kinder mit Restreaktionen des ATNR Schwierigkeiten bei der Entwicklung der Seitigkeit zeigen.  Ein Kind, das keine dominante Seite hat, kann eine nicht ausgeprägte Ohren- oder Augenpräferenz entwickeln, was zu einer verlangsamten Verarbeitung führt.

Der TLR kann zum einen durch eine Bewegung des Kopfes nach vorne über die Rückenmarksebene (TLR vorwärts), zum anderen durch eine Bewegung des Kopfes nach hinten unter die Rückenmarksebene (TLR rückwärts) ausgelöst werden.

Restreaktionen des TLR beeinflussen das vestibuläre System (Gleichgewichtssystem) und dessen Interaktion mit anderen sensorischen Systemen, denn jede Kopfbewegung des Kindes verändert den Muskeltonus und beeinflusst in Folge das Gleichgewicht. Der Umgang mit der Schwerkraft wird unsicher und das hat weit reichende Folgen. Wenn das Kind keinen festen Bezugspunkt hat, kann es schwierig werden sich im Raum zu orientieren. Distanzen, Tiefen, Geschwindigkeiten können nur schwer eingeschätzt werden. Auch die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen oben und unten, links und rechts, vorne und hinten basiert auf dem Wissen, wo wir uns genau befinden.

Die schlechte Kontrolle über die Kopfbewegungen hat zudem noch einen Einfluss auf die Funktion der Augen, „ […] da die Augen vom selben Regelkreis [ - dem vestibulo-okularen Reflexbogen - ] im Gehirn gesteuert werden […] wie das Gleichgewichtssystem“ (Sally G. Blythe 2018:46). Die Augen- und Labyrinthstellreaktionen (Reaktionen mit geschlossenen Augen) werden „als automatische Kontrolle benötigt, um die Balance in aufrechter Haltung zu bewahren und um bei Bewegung ein stabiles visuelles Feld zu erhalten“ (Dorothea Beigel 2017:134).

 

Feineinstellungen der Augen, wie z.B. mit den Augen einen Gegenstand zu verfolgen und zu fixieren, das Zurückwandern auf eine vorherige Textstelle und winzige Sprünge der Augen zwischen Fixierungspunkten innerhalb einer Textzeile, sind beeinträchtigt. Für die Kinder wirkt die Schrift verschwommen oder bewegt.

Es wird ebenfalls argumentiert, dass die schlechte Kopfkontrolle zu einer Verzerrung auditiver Botschaften führen kann.

Schnelles und effizientes Drehen des Kopfes zur Klangquelle wird verhindert, Tiefen- und Entfernungswahrnehmung sind dadurch verlangsamt, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Kind verhört, falsch beurteilt, missversteht oder langsam reagiert, steigt. Die Wahrnehmung von Lauten verliert an Schärfe und Genauigkeit. Teile von Botschaften können überhört werden oder verzögert ankommen. Konzentration, Verständnis und auch das Selbstwert werden beeinträchtigt. Der Stress, der dadurch entsteht, kann dazu führen, dass das Kind ängstlich und verwirrt reagiert (Dorothea Beigel 2017:134).

 

Weiters zeigen Kinder mit Restreaktionen des TLR häufig eine schlechte Reihenfolge-Ordnungsfähigkeit. Es kann u.a. sein, dass sie Zahlenreihen falsch ergänzen, mit Rechtschreibproblemen kämpfen und sehr unordentlich sind.