Hochsensibilität

In vielen Fällen fällt es den Eltern schon sehr früh auf, dass ihr Kind anders ist.  Hochsensible Kinder weisen eine ausgeprägte Empfindsamkeit und Empfindlichkeit auf, die sich häufig in Überforderung, Überreizung, Stress, Überreaktionen, Rückzug, Schüchternheit, mangelnde Frustrationstoleranz etc. äußert. Eltern stehen oft vor großen Herausforderungen, die unter Umständen nicht alleine zu bewältigen sind.

Das von Elaine N. Aron in den Neunzigerjahren erstmals beschriebene Phänomen ist jedoch keine Krankheit. Hochsensibilität birgt auch viele positive Eigenschaften in sich wie z.B. gutes Einfühlungsvermögen, Gewissenhaftigkeit und Kreativität.

 

Was aber hat eine Hochsensibilität mit frühkindlichen Reflexen zu tun?

Hier ist vor allem der Moro-Reflex zu nennen.

Der Moro-Reflex ist einer der frühesten primitiven Reflexe in der natürlichen Reflexabfolge. Er erscheint in der 9. bis 12. Schwangerschaftswoche und ist bei der Geburt vollständig präsent. Man bezeichnet den Moro-Reflex auch als erste primitive Schreckreaktion, die sich im zweiten bis vierten Monat in eine reife Schreckreaktion umwandeln soll. 

Der Moro-Reflex schützt das Baby vor lebensbedrohlichen Situationen. Ist der Moro-Reflex aktiv, so befindet sich das Baby in einer Kampf-Fluchtreaktion und reagiert mit folgenden aufeinanderfolgenden Bewegungen:

  1. Zunächst werden gleichzeitig beide Arme und Beine gestreckt, die Hände und Finger gespreizt und der Kopf wird in den Nacken gelegt. Es folgt ein kurzes Erstarren und Einatmen bei geöffnetem Mund.
  2. Daraufhin werden beide Arme und Beine gleichzeitig geschlossen, gefolgt von Beugungen der Ellenbogengelenke. Die Hände werden zu Fäusten geballt (daher der Name Umklammerungsreflex) und das Baby atmet schließlich aus, zumeist gefolgt von einem lauten Schrei.

Auslöser können unerwartete vestibuläre (Lageveränderungen), auditive (plötzliches, lautes Geräusch), taktile (unerwartete Berührungen) oder visuelle (Lichteinfall) Reize sein. Der Moro-Reflex ist der einzige Reflex, der mit allen Sinnessystemen verbunden ist. „Wird der Moro-Reflex nicht rechtzeitig integriert, bleibt das Kind im sensorischen Teil [] überempfindlich“ (Dorothea Beigel 2017: 90).

Wenn der Vorläufer des Moro-Reflexes - der sogenannte Rückzugsreflex  - verhindert, dass der Moro-Reflex richtig ausreifen kann, so kann es vorkommen, dass er im ersten (gleichzeitiges Strecken der Arme und Beine, Spreizen der Arme und Finger, Legen des Kopfes in den Nacken und Luft anhalten) oder im zweiten  Bewegungsteil (gleichzeitiges Schließen der Arme und Beine, Umklammerungsreflex, Ausatmung und eventueller Schrei) unterentwickelt oder sogar nicht vorhanden ist. Dies würde sich als Reaktion auf einen Reiz in einer Bewegungslähmung bzw. Erstarren zeigen. „Dieses Erstarren wird von Luftanhalten, verringertem Muskeltonus und dem Verlust von Reaktion auf äußere Stimuli begleitet“ (Dorothea Beigel 2017: 111).

Die andere Reaktion des Moro-Reflexes wäre das gegenteilige Verhalten, nämlich eine Überreaktion des Kindes. Wird der Moro-Reflex beibehalten, so lebt das Kind unter ständiger Anspannung und Angst. Diese Kinder sind ständig in Alarmbereitschaft und können bei empfundener Bedrohung schnell überreagieren. Ihr Stress-Hormonsystem löst eine Kampf-Flucht-Reaktion mit allen dazugehörigen, typischen Symptomen aus: rascher Herzschlag, Erweiterung der Pupillen, erhöhte Wachsamkeit auf Kosten der Verdauung, des Wachstums und der Zellerneuerung.  Weiters werden Stresshormone ausgeschüttet, die Muskeln verspannen sich, anstatt einer Bauchatmung kommt es zu einer flachen Brustatmung.  Es ist nachvollziehbar, dass die Blutzuckerreserven relativ rasch verbraucht werden und das Kind müde, gereizt oder hungrig wird. Dies zieht einen Leistungsabfall und Konzentrationsstörungen nach sich. Die Pupillen, die sich für die Flucht auf Fernsicht groß gestellt haben, sollen sich in der Schule beim Lesen auf Nahsicht nun klein stellen, d.h. sie sollen sich zum scharfen Kontrastsehen zusammenziehen. Die Augen der Kinder ermüden rasch und es kann zu langsamem Lesen und Schwierigkeiten beim Abschreiben von der Tafel kommen.

Des Weiteren können sich Kinder mit persistierenden Moro-Restreaktionen nur schwer gegen den Hintergrundlärm, den es in fast allen Klassenzimmern gibt, abschotten. Sie lernen eventuell einige Geräusche mit der Zeit auszublenden, jedoch ist die Folge leider oft, dass das Kind versucht, dem Unterricht mit unvollständigen Informationen zu folgen. 

Es ist nicht ungewöhnlich, dass diese Kinder in den ersten Schuljahren eher angepasst erscheinen und zuhause zusammenbrechen oder sogar ausrasten. Einige Schüler entwickeln sogar Angst vor der Schule. Zwänge sind ebenfalls nicht ungewöhnlich.  

Zusammenfassend kann man also folgende mögliche Hinweise auf persistierende Moro Restreaktionen festhalten. Eine Parallele zur Hypersensibilität ist leicht erkennbar:

 

  • Gleichgewichts- und Koordinationsprobleme
  • Ängstlichkeit bis hin zur Panik
  • Überempfindlich
  • Emotional instabil
  • Schnell gekränkt
  • Besonders schüchtern und zurückgezogen
  • Fühlt sich schnell gestört
  • Phasen von Hyperaktivität gefolgt von Übermüdung
  • Taktile, vestibuläre, olfaktorische Überempfindlichkeit
  • Visuelle Wahrnehmungsschwierigkeiten
  • Empfindliches Immunsystem
  • Leidet unter Bauchschmerzen, Verstopfung
  • Mangelnde Ausdauer und Konzentration
  • Schulangst
  • Neigung zu sich ständig wiederholenden Verhaltensmustern
  • Ist schreckhaft und hat eine Abneigung gegen Veränderungen
  • Schlechte Anpassungsfähigkeit
  • Schwierigkeit, Kritik zu akzeptieren
  • Schwaches Selbstwertgefühl
  • Merkt sich Details besser als den Kontext
  • Fester Muskeltonus (Körper-„Panzer“)

 (vgl. Goddard Blythe2018: 27f.; v. Velzen 2014: 8)