Aufmerksamkeitsdefizit- /Hyperaktivitätsstörung

ADHS weist drei Symptombereiche auf: Unaufmerksamkeit, Hyperaktivität und Impulsivität. Nicht alle Kinder sind dabei hyperaktiv. Viele Kinder haben ein ADS, sind folglich unaufmerksam und konzentrationsschwach ohne Hyperaktivität.

Ein Kind mit ADHS entspricht nicht dem Entwicklungsstand Gleichaltriger. Typisch ist auch, dass sich ADHS nicht von alleine verbessert. Des Weiteren müssen die Verhaltensauffälligkeiten länger als 6 Monate bestehen und in allen Lebensbereichen, wie Familie, Schule und Freizeit auftreten.

Es muss festgehalten werden, dass nicht bei jedem Zappel-Phillip ein ADHS besteht.

Eltern, Lehrer aber auch Ärzte neigen oft vorschnell zu der „Modediagnose“, obwohl das Kind lediglich lebendig und unkonzentriert ist.

Der renommierte deutsche Psychologe, Hans-Reinhard Schmidt beschrieb dieses Phänomen so: „Häufig diagnostizieren Ärzte ADHS bei Kindern, die eigentlich unter anderen Problemen leiden. Ein Teil hat Entwicklungsverzögerungen oder Wahrnehmungsstörungen, zum Beispiel Legasthenie, Dyskalkulie, Probleme mit dem Gehör oder dem Gesichtssinn oder psychomotorische Störungen.«

Gerade für solche Kinder bietet sich die INPP Therapie an.

INPP steht für das «Institut für Neuro-Physiologische Psychologie» und wurde im Jahr 1975 vom Psychologen Dr. Peter Blythe gegründet. Untersucht werden die Auswirkungen von Unreife in der Funktionsweise des zentralen Nervensystems (ZNS) bei Kindern mit spezifischen Lern- und Leistungsproblemen sowie Verhaltensauffälligkeiten.

Im Falle eines „Zappel-Phillip Syndroms“ sollte man, im Sinne einer ganzheitlichen Behandlung, immer an den Spinalen Galant Reflex denken.

Der Spinale Galant Reflex wird entlang der Wirbelsäule ausgelöst. Dabei kommt es bei Persistenz zu einer Rotation und Lateralflexion des gleichseitigen Beckens. Er sollte spätestens im 9. Lebensmonat gehemmt sein. Wenn er persistiert bleiben Kinder am Rücken und Becken überempfindlich. Oft mögen sie keine engen Hosen oder Schildchen müssen aus der Kleidung entfernt werden. Sie sind sehr häufig unruhig und hyperaktiv und neigen zur Schwatzhaftigkeit.

Da der Reflex beim Sitzen durch die Reibung an der Rückenlehne ausgelöst wird, können sie schwer stillsitzen und neigen zu schlechter Konzentration.

In vielen Fällen nässen Kinder mit persistierenden Spinalen Galant Reflex häufig noch nach dem 5 Geburtstag ein.  

Weiters ist bei Kindern mit ADS und ADHS immer eine persistierende TLR Restreaktion zu finden.

Der TLR kann zum einen durch eine Bewegung des Kopfes nach vorne über die Rückenmarksebene (TLR vorwärts), zum anderen durch eine Bewegung des Kopfes nach hinten unter die Rückenmarksebene (TLR rückwärts) ausgelöst werden.

Zur Geburt sollte der TLR in beiden Richtungen entwickelt sein. Der TLR vorwärts sollte bereits mit 4 Monaten gehemmt sein, die Hemmung des TLR rückwärts dauert oft bis zum dritten Lebensjahr.

Der Tonische Labyrinthreflex hat einen tonisierenden Einfluss auf die Muskelspannung im ganzen Körper; er hilft dem Neugeborenen, sich aus der gebeugten fötalen und Neugeborenenhaltung gerade zu strecken. Auf diese Weise werden Gleichgewicht, Muskeltonus und Tiefensensibilität (Propriozeption) allesamt während dieses Prozesses trainiert (Sally G. Blythe 2018: 46).


Der TLR hilft dem Baby, mit der Schwerkraft umgehen zu lernen. Jede Bewegung des Kopfes über die Mittelinie hinaus führt zu einer Streckung oder Beugung des gesamten Körpers, was den Muskeltonus vom Kopf abwärts beeinflusst. Mit ca. 6 Monaten sollte sich eine gute Kontrolle über den Kopf entwickelt haben.

Restreaktionen des TLR beeinflussen somit das vestibuläre System (Gleichgewichtssystem) und dessen Interaktion mit anderen sensorischen Systemen, denn jede Kopfbewegung des Kindes verändert den Muskeltonus und beeinflusst in Folge das Gleichgewicht. Der Umgang mit der Schwerkraft wird unsicher und das hat weit reichende Folgen. Wenn das Kind keinen festen Bezugspunkt hat, kann es schwierig werden sich im Raum zu orientieren. Distanzen, Tiefen, Geschwindigkeiten können nur schwer eingeschätzt werden. Auch die Fähigkeit zur Unterscheidung zwischen oben und unten, links und rechts, vorne und hinten basiert auf dem Wissen, wo wir uns genau befinden.

Wird der Tonische Labyrinth-Reflex nicht zum richtigen Zeitpunkt gehemmt, ergeht es den Kindern wie den Astronauten in der schwerelosen Umgebung. Sie schreiben von rechts nach links, in Spiegelschrift oder verdrehen plötzlich Zahlen und Buchstaben und das, weil ihnen wie erwähnt dieser fixe Bezugspunkt fehlt, von dem sie ausgehen können.

Die schlechte Kontrolle über die Kopfbewegungen hat zudem noch einen Einfluss auf die Funktion der Augen, „ […] da die Augen vom selben Regelkreis [ - dem vestibulo-okularen Reflexbogen - ] im Gehirn gesteuert werden […] wie das Gleichgewichtssystem“ (Sally G. Blythe 2018:46).


Die Augen- und Labyrinthstellreaktionen (Reaktionen mit geschlossenen Augen) werden „als automatische Kontrolle benötigt, um die Balance in aufrechter Haltung zu bewahren und um bei Bewegung ein stabiles visuelles Feld zu erhalten“ (Dorothea Beigel 2017:134). Ein Kind mit TLR Restreaktionen muss sich sehr anstrengen, um diese Stabilität zu kompensieren. Stellen Sie sich vor, Sie stünden auf einem schwankenden Schiff und müssten sich auf das Halten Ihres Gleichgewichts konzentrieren. Nun würde Sie aber jemand bitten eine Rechenaufgabe zu lösen oder einen Text zu verfassen. Sie müssten sich sicherlich sehr viel mehr als sonst anstrengen, um diese Aufgaben zu meistern. Nun können Sie sich ungefähr vorstellen, wie es einem Kind mit TLR Restreaktionen ergeht.

Es wird ebenfalls argumentiert, dass die schlechte Kopfkontrolle zu einer Verzerrung auditiver Botschaften führen kann.

Schnelles und effizientes Drehen des Kopfes zur Klangquelle wird verhindert, Tiefen- und Entfernungswahrnehmung sind dadurch verlangsamt, und die Wahrscheinlichkeit, dass sich das Kind verhört, falsch beurteilt, missversteht oder langsam reagiert, steigt. Die Wahrnehmung von Lauten verliert an Schärfe und Genauigkeit. Teile von Botschaften können überhört werden oder verzögert ankommen. Konzentration, Verständnis und auch das Selbstwert werden beeinträchtigt. Der Stress, der dadurch entsteht, kann dazu führen, dass das Kind ängstlich und verwirrt reagiert (Dorothea Beigel 2017:134).


Feineinstellungen der Augen, wie z.B. mit den Augen einen Gegenstand zu verfolgen und zu fixieren, das Zurückwandern auf eine vorherige Textstelle und winzige Sprünge der Augen zwischen Fixierungspunkten innerhalb einer Textzeile, sind beeinträchtigt. Für die Kinder wirkt die Schrift verschwommen oder bewegt.

Weiters zeigen Kinder mit Restreaktionen des TLR häufig eine schlechte Reihenfolge-Ordnungsfähigkeit. Es kann u.a. sein, dass sie Zahlenreihen falsch ergänzen, mit Rechtschreibproblemen kämpfen und sehr unordentlich sind.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Kinder mit persistierendem TLR Mühe haben sich länger zu konzentrieren, da sie damit beschäftigt sind ihre oben erwähnten Defizite zu kompensieren.